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Google Glass: Tod der Datenbrille spricht für Apples überlegene Firmenpolitik - ein Kommentar

Googles Datenbrille Google Glass wird vorerst nicht mehr produziert. Einiges deutet sogar darauf hin, dass die Google Glass auf dem berüchtigten „Google Graveyard“ landen wird. Das Unternehmen enttäuscht damit hunderte Start-Ups, die nun teilweise vor dem Bankrott stehen. Bei der Google Glass rächt sich die Produktpolitik Googles, die immer noch der eines Start-Ups gleicht. Der lachende Dritte ist Apple – und mit Abstrichen auch Microsoft.

Google hat seine Datenbrille Google Glass defacto eingestellt. Offiziell betont Google zwar, dass es lediglich das Explorer Programm beendet hat und nun „die erste Generation“ der Google Glass nicht mehr produziert wird. Eine neue Generation der Datenbrille hat das Unternehmen jedoch noch nicht angekündigt. Außerdem lagert Google die Google Glass an die Firma X-Labs aus. X-Labs wird von Tony Fadell geleitet, der durch seine hervorragende Arbeit bei Apples iPod und Steve Jobs Unternehmen NeXT bekannt ist. NeXT hat unter anderem die Grundlagen von OS X entwickelt.

Google lässt damit Hunderte Start-Ups im Stich. Im Sommer 2012 hatte das Unternehmen die Datenbrille angekündigt. Seit Februar 2013 verkauft Google die Google Glass an Entwickler – für rund 1.500 US-Dollar. Seit April 2014 gab es zudem einen offenen Beta-Test, bei dem auch private Nutzer eine Google Glass erwerben konnten. Nach der Veröffentlichung der Entwickler-Version gründeten sich viele Start-Up-Unternehmen, die Anwendungsgebiete für die Datenbrille erforschten und entsprechende Apps entwickelten. Diese Start-Ups stehen nun vor dem Bankrott. Besitzer der Google Glass halten nun ein Dead-End-Produkt in den Händen.

Die Google Glass sorgte in der Tech-Szene für Begeisterung. Schließlich handelte es sich bei der Datenbrille um ein echtes Augmentet-Reality-Gerät, wie es eigentlich nur in der Science-Fiction zu bestaunen war. Allerdings war die Brille auch Grundlage für heiße Diskussionen: Viele hatten Bedenken, dass mit der Brille die Privatsphäre endgültig ausgehebelt würde. Ein Glass-Träger könnte zum Beispiel jederzeit ein Video anfertigen, ohne dass die gefilmten Personen auch nur eine Chance hätten dies zu erkennen. Google antwortete auf diese Bedenken etwas halbherzig mit einem Verhaltenscodex für Google-Glass-Nutzer. Einige US-amerikanische Restaurants verboten das Tragen von Glass sogar. Zudem wurden einige Glass-Träger auf offener Straße verbal und körperlich angegriffen.

Googles Produktpolitik rächt sich

Google verfolgt eine grundlegend andere Produktpolitik als Apple oder Microsoft. Das Unternehmen veröffentlicht immer wieder Programme und Geräte, die sich noch in der Entwicklungsphase befinden. Nicht umsonst gibt es den sogenannten „Google Graveyard“, auf dem sich unzählige Dienste tummeln, die Google wieder eingestellt hatte.

Die Vorteile dieser Politik liegen auf der Hand: Diese gigantischen Beta-Tests produzieren in der Regel relativ fehlerfreie Produkte. Außerdem lagert Google damit einen Teil der Marktforschung aus. Der Erfolg des Beta-Tests entscheidet, ob der Markt für das Produkt groß genug ist. Die Nachteile erschließen sich jedoch ebenfalls von selbst: Viele Produkte überleben den Beta-Test nicht beziehungsweise bekommen schlechte Presse, weil sie zu Beginn oft nicht gut genug funktionieren. Für ein Start-Up ist diese Politik in Ordnung, schließlich hängen keine anderen Unternehmen von den Produkten eines Start-Ups ab. Google ist jedoch eines der Zentren des Internets und eines der führenden Unternehmen im Bereich Konsumerelektronik.

Apple bastelt dagegen so lange an einem Produkt, bis es tatsächlich fertig ist. Das Unternehmen scheut auch nicht davor zurück ein Produkt, das beinahe fertig gestellt ist, wieder einzustellen. So geschehen bei der Apple Watch: Apples Chef-Designer Jonathan Ive ließ vor einigen Monaten in einem Interview verlauten, dass die Apple Watch auch schon vor einem Jahr auf den Markt hätte kommen können. Diese Uhr hätte allerdings nicht den Vorstellungen Apples entsprochen. Die Technologie war noch nicht so weit, um eine schlanke Uhr herzustellen, die den gewünschten Funktionsumfang besitzt.

Apple Watch: Die (momentane) Zukunft der Augmented Reality

Apple hat den Hype um Google Glass und andere Datenbrillen bisher erfolgreich ignoriert. Stattdessen lies sich das Unternehmen nicht unter Druck setzen und produzierte weiterhin, was Apple am besten kann: Notebooks, Desktop-Rechner, Smartphones und Tablets. Außerdem überlegte das Unternehmen sich sehr gut, was der nächste Innovations-Schritt sein könnte: Apple legte sich auf die Apple Watch fest.

Diese Smartwatch erfüllt viele der Aufgaben, die auch Google Glass hätte übernehmen können. Im Gegensatz zu Googles Google Glass wird Apple im März jedoch ein fertiges Produkt veröffentlichen. Programmierer können sich darauf verlassen, dass Apple hinter seiner Watch steht und sie auf absehbare Zeit nicht fallen lässt – selbst wenn sie sich schlechter verkaufen sollte als erwartet. Auch Microsoft arbeitet ähnlich verlässlich, wenn auch etwas weniger erfolgreich, als Apple. Das Unternehmen hatte zum Beispiel mit der Surface-Reihe richtig zu kämpfen. Mittlerweile hat Microsoft jedoch die dritte Generation auf den Markt gebracht, die nun auch als Erfolg gelten kann.

Nach der Einstellung von Google Glass stellt sich für Entwickler jedoch die Frage wie es mit den anderen Produkten weitergeht. Auch Google hat mit Android Wear ein halbwegs erfolgreiches Smartwatch-Betriebssystem veröffentlicht. Lohnt es sich hier Geld zu investieren? Oder wird Google auch diese Plattform ohne große Vorankündigung einstellen, wenn sich der gewünschte Erfolg nicht abzeichnet?

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