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Wer braucht den neuen Mac Pro? Die Wahrheit hinter Apples Edel-Mac und warum er sich rechnet

Termin in London: Mac-Life-Chefredakteur Sebastian Schack traf sich mit vier Profi-Anwendern, um in Erfahrung zu bringen, ob Apples Pro-Mac-Line-up hält, was Tim Cook verspricht – und wer den neuen Mac Pro tatsächlich braucht.

Apples Ansage in Richtung der lange vernachlässigten professionellen Anwendergemeinde war in den vergangenen Monaten klar und eindeutig: Wir haben zugehört, wir haben verstanden, wir haben gehandelt.

So möchte sich Apple nach einigen Fauxpas in den vergangenen Jahren zumindest darstellen. Und in der Tat: Man tut gut daran, sich wieder aktiver um das eigene Image, ganz besonders im Mac-Bereich, zu kümmern. Lange Wartezeiten auf Upgrades, fehlerbehaftete Software, die anfällige Butterfly-Tastatur in allen MacBooks der vergangenen Jahre und der Totalausfall des Mac Pro – das alles hat deutliche Narben im Antlitz Apples hinterlassen.

Der Mac Pro rechnet sich

Alle unsere Gesprächspartner auf dieser Veranstaltung waren sich einig, dass der Mac Pro zwar ein durchaus teures Werkzeug sei – aber eben auch eines, das sich schnell lohnen würde und das niemand mehr missen möchte. Wer effizienter arbeiten kann, spart im Idealfall viel Geld – und wenn der Mac Pro dabei hilft, rechnet sich die Investition unter Umständen schon nach wenigen Aufträgen. Das gilt freilich nur, wenn diese Aufträge entsprechend groß und die Kunden entsprechend zahlungskräftig sind. Aber dies ist letztlich ein Gesetz, das vermutlich in jeder Industrie gilt – und Kreativberufe stellen dabei bei Weitem keine Ausnahme dar.

Nun aber scheint man sicher, die Kurve bekommen zu haben. So sicher, dass man zu einem Pressetermin in London einlud, bei dem Journalisten die Gelegenheit hatten, mit professionellen Anwendern über die aktuellen Mac-Modelle zu sprechen. Darüber, was die neueste Generation besser macht oder überhaupt erst ermöglicht. Darüber, ob sich die Preise, die Apple für den Mac Pro aufruft, rechtfertigen lassen. Und auch darüber, was noch fehlt.

Fotos aus dem Helikopter

Den spektakulärsten Einsatzzweck eines Mac kann wohl Jason Hawkes ins Feld führen. Der Brite ist Fotograf mit dem Spezialgebiet der Luftaufnahme. Dabei lässt er sich von einem Helikopter über das abzulichtende Gebäude oder die Landschaft fliegen. Am Ziel angekommen, kippt der Hubschrauber um fast 90 Grad auf die Seite, und Hawkes hängt durch ein Gurtsystem, welches an das von Fallschirmspringern erinnert, gesichert aus der Tür des Fluggeräts.

Das allein ist aber nicht seine Kunst. Viel schwieriger als die flugtechnischen Voraussetzungen ist vor allem in Städten eine vollkommen andere Thematik: das Timing. Oft sind seine Auftraggeber zum Beispiel Baukonzerne, die Aufnahmen aus einem exakten Winkel und zu einer ganz bestimmten Zeit benötigen, um ihren Klienten bestmöglich zeigen zu können, wie das neue Gebäude im Stadtbild wirkt. Um diese Aufträge erfüllen zu können, reicht es für Hawkes nicht aus, Position und Abflugzeit präzise zu berechnen und auf einen Tag mit passendem Wetter zu warten – er ist auch noch darauf angewiesen, dass die Flugsicherung mitspielt. Oftmals bleibt ihm so nur ein Zeitfenster von wenigen Minuten, um den Helikopter in Stellung zu bringen und das gewünschte Motiv zu fotografieren.

Hawkes verdient auf diese Weise schon seit 25 Jahren sein Geld. Anfangs natürlich noch mit analogen Kameras und einem enormen Zeitaufwand – vor allem, wenn die Fotos seinen Kunden nicht gefielen. Dann hieß es oft: wieder einen Helikopter buchen, wieder aufsteigen, wieder mit der Flugsicherheit diskutieren, wieder fotografieren, wieder auf die fertigen Bilder warten und wieder hoffen, dass sie diesmal „richtig“ sind.

Seine Arbeitsprozesse konnte Hawkes durch das Aufkommen leistungsstarker Digitalkameras deutlich beschleunigen. Noch mehr Zeit gewinnt er, indem er einfach sein MacBook Pro mit in den Helikopter nimmt – und seine Kunden. Das aktuelle MacBook Pro mit 16-Zoll-Display sei so stark, sagt Hawkes, dass er die Aufnahmen direkt aus der Kamera mit nur einigen Handgriffen und in wenigen Sekunden derart bearbeiten kann, dass der Kunde noch in der Luft entscheiden könne, ob das Bild seinen Ansprüchen genügt.

Auf die Nachfrage, ob er die Kunden nicht vielmehr deshalb mitnähme, weil sie vor lauter Adrenalin zu allem „ja“ sagen würden, lächelt er nur.

Auch auf die Frage, ob man seinen Job inzwischen nicht mit einer Drohne erledigen könnte, reagiert der sonst wie ein steifer Bilderbuch-Engländer wirkende Hawkes verschmitzt: „Yes, but that wouldn’t be as much fun.“ („Ja, aber das würde längst nicht so viel Spaß machen.“) Tatsächlich, führt er weiter aus, würden ganz andere Dinge gegen den Einsatz von Drohnen sprechen: Mit dem Helikopter gelänge er an Orte und in Flughöhen, in denen die Flugroboter schlicht nicht erlaubt wären.

Mac Pro im virtuellen Dschungel

James Rodgers und David Deacon sind Computeranimationsexperten aus dem Hause Lunar Animation in Sheffield, und sie erklären den anwesenden Journalisten, wie der Mac Pro letztlich alle Arbeitsabläufe für sie verändert hat.

Lunar Animation ist ein noch junges Unternehmen, und natürlich habe man sich bei der Gründung Gedanken darüber gemacht, ob man wirklich auf Macs setzen müsse. Allein aus Kostengründen – da stünde der Mac initial schließlich oft nicht so gut dar, konstatiert Rodgers. Schlussendlich habe man sich aber im Zuge der Firmengründung vor allem auch deshalb für die Anschaffung von Macs entschieden, weil praktisch alle Mitarbeiter diese schon privat oder zumindest in ihrem vorherigen Job genutzt hätten.

Zu den größeren Animationsaufträgen von Lunar Animation der jüngeren Vergangenheit zählt etwa der Abspann des zweiten „Jumanji“- Films oder ein Spiel, bei dem eine gottähnliche Figur Skelette heraufbeschwören kann. Bei beiden Beispielen sorge der Mac Pro für eine enorme Zeitersparnis, was oftmals mit dem Einsparen monetärer Ressourcen einhergeht.

Das Teuerste an so einer Produktion, erzählt Rodgers, sei immer noch der Mitarbeiter vor dem Rechner. „Und jedes Mal, wenn ich sehe, dass ein 3D-Künstler mit der Stirn auf der Schreibtischplatte liegt, weil irgendetwas nicht funktioniert oder er auf etwas warten muss, verlieren wir gerade Zeit und Geld.“

Das mag im Einzelfall übertrieben erscheinen, in Summe aber durchaus stimmen. Rodgers und Deacon rekonstruieren ein paar Arbeitsschritte aus der Erstellung des Filmabspanns und werden dabei nicht müde, zu betonen, an welchen Stellen sie früher – mit aktuellen iMacs – doppelt so lange warten mussten. Und selbst bei Prozessen, die auch auf dem neuen Mac Pro noch einiges an Zeit in Anspruch nehmen, bliebe immer noch genug CPU-Power übrig, um nebenbei an anderer Stelle weiterzumachen, statt zu warten – oder mit der Stirn auf die Tischplatte zu knallen.

Deacon und Rodgers können sich auf Nachfrage nicht ganz einstimmig festlegen, was der größte Vorteil des neuen Mac Pro für sie im Arbeitsalltag ist. „Es ist die Mischung“, erklärt Deacon – und meint damit, dass die Zeitersparnis, für sich genommen, natürlich bereits ein großer Pluspunkt sei. Andersherum betrachtet, würde der Mac Pro es aber auch erlauben, in der gleichen Zeit wie zuvor bessere Produktionen abzuliefern, was unter Umständen einen echten Wettbewerbsvorteil bedeuten könne.

Viermal vier 4K-Streams parallel

Zu einem ganz ähnlichen Urteil kommt Thomas Carter, Video-Editor bei Trim in London – einer Firma, die auf keinen Fall zufällig zu diesem Termin eingeladen wurde, ist sie doch unter anderem für die Agentur TBWA tätig, zu deren Kunden Apple zählt. Trim hat unter anderem an Apples AirPods-Werbespot „Bounce“ mitgewirkt.

Carter erzählt von der Produktion eines Musikvideos und schwärmt vor allem von der Grafikpower des Mac Pro. Seiner ist selbstverständlich nicht mit den Standard-Grafikkarten bestückt und verfügt außerdem über Apples Afterburner-Karte.

Moderne Musikvideos bestünden, berichtet Carter, heutzutage oft aus einem Zusammenschnitt verschiedener Produktionen, die man zum selben Song aufnimmt. Seine Aufgabe ist es dann, eine Gesamtkomposition daraus zu erstellen. Er zeigt uns, wie er 16 4K-Videostreams parallel in Final Cut Pro X laufen lässt und trotz diverser Effekte mühelos zwischen diesen hin und her springen kann.

Ähnlich beeindruckt gibt er sich – wie übrigens auch die anderen drei Herren – von Apples Pro Display XDR. Bislang hätte man einen einzigen Master-Monitor verwendet, an dem alle Videos final überprüft und freigegeben wurden. Ein Monitor, weil die Kosten für derart farbechte Bildschirme tatsächlich bei den von Apple angeführten 40.000 US-Dollar liegen würden. Apples Pro-Displays sind hingegen mit 5.500 Euro plus den obligatorischen 1.100 Euro für den Standfuß in Wahrheit wahre Schnäppchen. Schnäppchen, die sich schnell amortisieren würden, da sind sich alle einig.

Pro Display XDR

XDR steht für Apples selbstentwickelter Erweiterung von HDR. Während HDR die Abkürzung von „High Dynamic Range“ (etwa: „hoher Dynamikumfang“) ist, setzt Apple – wie gewohnt – noch einen drauf und spricht von „Extreme Dynamic Range“ (also: „extremer Dynamikumfang“). Apples Display vereint außerdem eine enorme Helligkeit mit einer Farbtiefe von 10 Bit und der Unterstützung des erweiterten und – vor allem in der Welt des Films – Anwendung findenden Farbraums P3. Die Qualität des 32-Zoll-Bildschirms mit einer Auflösung von 6K (6.016 x 3.384 Pixeln bei einer Pixeldichte von 218 PPI) könne sich laut Apple mit der von Referenzmonitoren der Film- und Fotoindustrie durchaus messen, ist dabei aber um ein Vielfaches günstiger. Zahlt man für einen entsprechenden Sony-Bildschirm derzeit deutlich über 30.000 Euro, verlangt Apple „nur“ 5.500 Euro (beziehungsweise 6.500 Euro, wenn man ein entspiegeltes Glas wünscht). Hinzu kommen weitere 1.100 Euro für einen Standfuß, der Apple viel Spott einbrachte – ob zu Recht oder Unrecht, sei dahingestellt und liegt im Auge des Betrachters.

Klar ist aber auch: Solche Investitionen lohnen sich schneller, wenn man Kunden wie Apple hat oder Luftbildaufnahmen für das britische Königshaus macht und nicht in einem kleinen Fotostudio in der Göttinger Innenstadt darauf wartet, dass jemand ein neues Passfoto benötigt.

Mac macht Musik

Interessant war, dass Apple mit Estelle Rubio auch eine Künstlerin geladen hatte, die herzlich wenig mit grafischen Produktionen zu tun hat. Rubio ist Musikerin und Musikproduzentin und geht ihrem Beruf mit einem MacBook Pro nach. Ja, mit dem neuen Mac Pro oder selbst mit einem aktuellen iMac (Pro) ginge technisch noch mehr, bestätigt Rubio, bei direkter Abwägung seien ihr Flexibilität und Mobilität jedoch wichtiger.

„Popmusik verändert sich gerade“, so Rubio. „Zwar werden die Stücke immer minimalistischer, es kommen immer weniger Instrumente zum Einsatz, dafür wird der Sound aber dichter.“ Ein gutes Beispiel dafür ist etwa der Erfolg von Billie Eilish.

Diese Dichte erreiche man, indem man einzelne Passagen mehrfach aufnimmt und in einzelnen Spuren synchron zueinander abspielt. Um das nicht mehr nur mit 20 oder 30 Spuren, sondern mit einer dreistelligen Anzahl von Tracks machen zu können, braucht man – Sie haben es erahnt – Rechenpower.

Überrascht zeigt sie sich außerdem von der Qualität des in dem MacBook Pro verbauten Mikrofonsystems. „Ich würde sagen, dass es qualitativ mit Mikrofonen in der Preisklasse von 350 bis 400 Euro mithalten kann,“ so Rubio. Und ergänzt: „Für Instrumentenaufnahmen. Bei Stimmen ist das etwas schwieriger.“

Fazit

Man darf nicht vergessen, dass Apple zu diesem Termin eingeladen und die anwesenden Profis sorgsam ausgewählt hat. Anders als wir dies jedoch auf Presseveranstaltungen anderer Hersteller kennengelernt haben, folgten die fünf Gesprächspartner nach eigenen Aussagen aber keinem von Apple abgesegnetem Skript, sondern haben frei von ihrem Alltag berichtet und standen uns auch im Nachgang des Treffens per E-Mail und Telefon für Nachfragen zur Verfügung.

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