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iPhone 12: Das große Netzteil-Gejammer

Apple hat sich entschlossen, dem neuen iPhone 12 und iPhone 12 pro nicht länger Netzteil und Kopfhörer beizulegen. Der Aufschrei ist größer als erwartet – aber natürlich Quatsch.

Man macht sich nie Freunde damit, wenn man jemandem etwas wegnimmt. Das ist eine Erfahrung, die wohl jeder bereits in frühesten Kindertagen macht. Aber auch wir bei Mac Life haben das schon erlebt. Die älteren mögen sich daran erinnern: Über viele Jahre haben wir der Januar-Printausgabe der Mac Life eine CD mit einem Heftarchiv aller Ausgaben des Vorjahres beigelegt. Kostenfrei.

Irgendwann verkaufte Apple keine/kaum noch Macs mit CD-Laufwerk und wir haben das Heft-Archiv zu einem Download gemacht. Schon das hat zu irritierten Zuschriften und teilweise sogar unflätigen Beschimpfungen geführt. 

Im Laufe der folgenden Jahre haben wir festgestellt, dass sich praktisch niemand für dieses Download-Angebot interessierte. Die Mac Life als Heft findet jeden Monat mehrere zehntausend Leser, der Download-Counter für das Heftarchiv wies allerdings nur eine geringe dreistellige Anzahl an Abrufen auf. Das bewog uns dazu, das Angebot in dieser Form komplett einzustellen. Und obwohl die allermeisten Abonnenten von Mac Life sowieso ständigen Zugriff auf unser Archiv haben und einzelne Ausgaben als PDF jederzeit herunterladen können, schlug uns erneut viel Pöbelei entgegen.

Haben ist besser als brauchen

Ich bin der festen Überzeugung, dass selbst die meisten der Heftarchiv-Downloader sich dieses niemals angeschaut haben. Es ging ihnen bei ihren Zuschriften also gar nicht darum, dass ihnen die Mac Life seither tatsächlich weniger bietet. Es ging und geht darum, dass das Archiv schon „immer“ Bestandteil der Mac Life war. Und jeder, der schon einmal – egal ob im privaten oder beruflichen Umfeld – das zweifelhafte Vergnügen hatte, gegen ein „Das haben wir schon immer so gemacht!“ anzukämpfen, weiß, dass Argumente da oft wenig helfen.
Außerdem bricht sich an der Stelle die Natur des Menschen als Jäger und Sammler Bahn: Was ich habe, habe ich und haben ist besser als brauchen!

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Was hat das mit Apple zu tun?

Apple hat sich dazu entschieden, den treuen Kunden etwas wegzunehmen. Zuerst den Apple-Watch- und jetzt auch noch den iPhone-Käufern. Diesen Geräten lag nämlich „immer schon“ ein Netzteil bei. Das ist nun nicht mehr der Fall und das Geschrei ist wie erwartet groß. Da helfen Apple auch erstmal keine Argumente. Dabei hat Apple sogar sehr gute Argumente und vielleicht sogar das beste überhaupt, das man dieser Zeit haben kann, auf der eigenen Seite: den Schutz der Umwelt.

In mittlerweile zwei Videosequenzen (beispielsweise ab Minute 23 im oben eingebetteten Video anlässlich der Vorstellung der neuen iPhone-12-Modelle) hat sich Lisa Jackson, Apples Frau für Umweltschutz, Nachhaltigkeit und noch einiges mehr, mit einer klaren Botschaft zu Wort gemeldet: Jeder von euch hat irgendeinen Adapter, wahrscheinlich sogar mehrere, in den er ein USB-Ladekabel stecken kann. Jedes Netzteil, das wir nicht produzieren und um die halbe Welt schicken, damit ihr es in die Ecke zu den anderen Adaptern, die ihr nicht benutzt, legt, ist ein gutes Netzteil.

Diese Botschaft kann man nur unterschreiben und unterstützten!

Geht es um die Art und Weise?

Zugegeben: Auch wir haben uns in dem einen oder anderen Beitrag kritisch damit beschäftigt, wie Apple hier vorgeht. Ja, der Umweltschutz ist die eine Wahrheit. Natürlich spart Apple durch diesen Schritt aber auch Millionen und Abermillionen Euro an Produktions-, Speditions- und Lagerkosten. All den Bestrebungen Apples, bis 2030 vollständig CO2-Neutral zu wirtschaften, zum Trotz hätten wir uns rein als Symbol gewünscht, dass Apple diese Ersparnisse in ein konkretes Umweltschutzprojekt investierte. Eventuell hat man hier eine gute Marketingchance liegen gelassen. 

Andererseits ist aber auch das ein Zeichen: Der Akt des Weglassens der Netzteile (über die ebenfalls nun nicht mehr inkludierten EarPods beschwert sich übrigens kaum jemand) ist positiv genug und soll offenbar für sich sprechen.

Abzocker!

Uns erreichten bislang aber auch zahlreiche Zuschriften und Kommentare, Apple solle dann doch wenigsten den Preis für die iPhones senken! Immerhin sind nun Waren im Wert von 45 Euro weniger in der Schachtel als noch vor einem Jahr!

Ja, das Argument kann man bringen und man kann sich an der Stelle sogar noch einmal darüber beschweren, das Apples Zubehörpreise teilweise lächerlich hoch sind. Die EarPods verkauft Apple weiterhin für rund 20 Euro (ehemals sogar 30 Euro) und das altbekannte 5W-Netzteil weiterhin für rund 25 Euro. 
Auf der anderen Seiten kosten die neuen iPhones, die so viel mehr leisten können als ihre Vorgänger, dafür praktisch ebenso viel, wie die iPhone-11-Modelle gekostet haben. Mehr Leistung fürs gleiche Geld. Und im Falle der Pro-Modelle gibt es sogar noch eine Speicherplatzverdoppelung von 64 auf 128 Gigabyte beim Standardmodell obendrein.

Aber womit soll ich das neue iPhone jetzt laden?

Eine weitere augenscheinliche Merkwürdigkeit haben wir bereits in unserem Podcast augenzwinkernd angemerkt: „Wir (also Apple) lassen jetzt das Netzteil weg, weil ihr das alle eh schon habt, packen dafür aber ein Ladekabel in die iPhone-Schachtel, das genau zu diesen Netzteilen, die ihr alle schon habt, überhaupt nicht passt.”

Und für viele iPhone-12-Käufer wird genau das Realität sein: Sie werden ein USB-C-auf-Lightning-Kabel in der iPhone-Schachtel vorfinden, ohne je ein USB-C-Netzteil erworben zu haben. Apple hat dafür natürlich eine Lösung parat: Zum gleichen Preis, den man für das 5-Watt-Netzteil bezahlen muss, verkauft Apple neuerdings auch den 20-Watt-Ladeadapter mit USB-C-Stecker. (Nur der Vollständigkeit halber sei an dieser Stelle angemerkt, das zahlreiche namhafte iPhone-Zuberhöranbieter USB-C-Netzteile zu teilweise deutlich attraktiveren Preisen anbieten.)

Trotzdem ist darin keine Verfehlung Apples zu erkennen. Denn schließlich ist praktisch niemand dazu gezwungen, eben jenes mitgelieferte Ladekabel zu verwenden. Jeder, der in den letzten acht Jahren ein iPhone gekauft hat, besitzt bereits ein Netzteil und ein Lightningkabel, mit dem man auch das neue iPhone 12 und iPhone 12 Pro aufladen kann. Jede Lightning-Ladevorrichtung für das Auto funktioniert weiterhin. Jede Qi-Station für induktives Laden ebenfalls. 
Der Prozentsatz von iPhone-12-Käufern, die ihr brandneues iPhone aus der Schachtel holen und überhaupt keine Möglichkeit haben, das Gerät aufzuladen, wird verschwindend gering sein. 

Klar, in absoluten Zahlen werden das trotzdem viele Menschen sein. Wir gehen davon aus, dass Apple im Weihnachtsquartal erneut um die 70 Millionen iPhones – dank des neuen Formats des iPhone 12 mini vielleicht sogar noch mehr – verkaufen wird. Ein geringer Prozentsatz bedeutet da schnell trotzdem mehrere zehn- oder gar hunderttausend Menschen.

Offenbar ist Apple aber Willens, mit diesen tausenden sich beklagenden Kunden in den Dialog zu gehen und ordnet diesen Mehraufwand dem Nutzen für das Gemeinwohl unter. Denn selbst wenn es eine Million Menschen wären, die ihr iPhone nicht ohne den zusätzlichen Erwerb eines neuen Netzteil aufladen könnten, sind es immer noch (um in unserer Rechnung von oben zu bleiben) 69 Millionen Netzteil, die Apple nicht hat fertigen müssen und deren Produktion und Transport nicht die Umwelt belastet.

Haar in der Suppe

Unter dem Strich dürfte man sich bei Apple sogar fast schon freuen über die Mäkelei an diesem Schritt. Denn wenn das der Punkt ist, an dem sich sämtliche Kritik im Nachgang der iPhone-12-Vorstellung aufhängt, dann scheinen die Geräte selbst ja ganz gut anzukommen. 

Und wie gut sie wirklich sind, das liest du Ende der Woche, pünktlich zum offiziellen Verkaufsstart, natürlich bei uns.

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