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Die Taschen sind leer: Hat PledgeMusic die Fans betrogen?

Die Gerüchte verdichteten sich, nun ist es offiziell: Die Crowdfunding-Plattform PledgeMusic meldet Insolvenz an. In den vergangenen Jahren hat das Unternehmen offensichtlich die von Fans eingezahlten Gelder für Managergehälter und edle Büroräume missbraucht. Die Schwere der Vergehen dürfte ein Einzelfall sein, die Krise des Crowdfundings aber ist keiner. Was ist aus den Träumen geworden, mit denen diese Branche die Musikindustrie verändern wollte?

Die Crowdfunding-Plattform PledgeMusic war vieles: Ein Hoffnungsträger für unabhängige Kreative. Ein Wahrzeichen für einen professionellen, zeitgemäßen Ansatz in der Musikindustrie. Ein umstrittenes Unternehmen mit den höchsten Gebühren der gesamten Branche. Unabhängig davon aber, wie man dem Start-up gegenüberstehen mochte, kommt sein Untergang einem Schlag ins Gesicht gleich. Und was für einem: Zum Zeitpunkt der Insolvenzanmeldung schuldete Pledge den betreuten Musikern Insider-Schätzungen bis zu $3 Millionen. Diese Gelder waren über Kampagnen auf der Seite eingesammelt worden und von einigen Künstlern bereits fest als Einnahmen verbucht oder sogar in Vorfinanzierung ausgegeben worden. Damit hinterlässt das einstmals mit noblen Ansprüchen angetretene Pledge einen Scherbenhaufen, der weitreichende Folgen haben könnte. Einzelne Fehlschläge und Betrugsfälle hat es immer schon gegeben, kühl kalkulierende Nutznießer sowieso. Nie aber stand eine ganze Plattform auf dem Prüfstand. Vertrauen ist das Produkt, um das es sich beim Crowdfunding maßgeblich dreht – wenn es verloren geht, was bleibt dann überhaupt noch?

Ein tiefer Schock
Bei den betroffenen Musikern sitzt der Schock tief. Am tiefsten erwischt hat es wohl den Avantgarde-Komponisten John Zorn. Zorn ist ein radikal denkender Künstler, der keine Interviews gibt, keine Promos an die Presse bemustert und auf kreativer Ebene keine Kompromisse eingeht. Mithilfe seiner Fans hat er über Pledge einen ambitionierten Werkzyklus finanziert, der auf 11 CDs dokumentiert wurde. Die Alben sind bereits an die Unterstützer verschickt – doch wartet Zorn vergeblich auf die letzte Zahlung über fast $200,000. Ob er sie jemals erhalten wird, ist fraglich. Nicht nur Sarah Robertson, die ihn bei dem Projekt beraten hat, fragt sich nun: „Wo ist das Geld eigentlich geblieben?“ Die Frage ist weitaus weniger naiv, als sie klingt. Denn eines der Hauptargumente für Pledge war schließlich, dass alle eingenommenen Kampagnengelder zunächst auf ein Zwischenkonto fließen, auf den weder das Unternehmen noch die Kreativen Zugriff haben, bevor das Projekt vollständig abgeschlossen ist. Wie also ist es möglich, dass PledgeMusic plötzlich, nach einem mehr als vielversprechenden Beginn, pleite ist und die eingesammelten Fan-Beiträge allesamt verschwunden sind?

Ein ehemaliger Mitarbeiter hat für die Seite Digital Music News ausgepackt und das mutwillige Ausschlachten eines guten Markennamens beschrieben. Zunächst investierte Pledge eine halbe Million Dollar, um bei dem Branchentreffen South by Southwest dabei zu sein, bei dem unter dem Strich rein gar nichts herausgekommen sei. Das ursprünglich in bezahlbaren Räumlichkeiten untergebrachte New Yorker Büro zog in einen teuren Luxuskomplex um. Schließlich zahlte Pledge seinen leitenden Angestellten Spitzengehälter, die in keinem Verhältnis zu den Einnahmen standen, und war dadurch gezwungen, eine aggressive Expansionspolitik zu fahren. Kampagnen-Manager seien unter Druck gesetzt worden, so viele Projekte wie möglich zu initiieren, unabhängig davon, ob sie Erfolg versprechend waren oder nicht. 

Honigtöpfe
Sogar ohne Insiderwissen steht fest, dass sich Pledge des wohl schlimmsten Vergehens überhaupt im Crowdfunding schuldig gemacht und gar keine streng geschützten Treuhänderkontos geführt hat. Stattdessen bediente man sich scheinbar an den von Fans gespendeten Geldern wie an Honigtöpfen. Die genauen Details werden zweifelsohne in den nächsten Monaten aufgearbeitet werden, so auch die völlig überraschende Rückkehr des bereits ausgeschiedenen Pledge-Gründer Benji Rogers, der überraschenderweise im letzten Jahr auf das bereits brennende Schiff zurückkehrte und nun möglicherweise persönlich belangt werden kann. Doch sogar, wenn Teile der Investitionen doch noch ausgezahlt werden sollten, werden zweifelsohne viele mit leeren Händen zurückbleiben – entweder, wie bei John Zorn, die Musiker oder, wie in den meisten Fällen, die Fans, die in ein Projekt eingezahlt haben, das nun niemals das Licht der Welt erblicken wird.

Der Vertrauensbruch wiegt um so schwerer, als PledgeMusic gerade mit der Ankündigung an den Start gegangen war, alles anders machen zu wollen. In einer Zeit, in der Technikunternehmen sich die Kreativindustrien mit roher Gewalt gefügig machen, schien Pledge eine der wenigen Ausnahmen: ein komplett auf Musik spezialisiertes, von einem Musiker gegründetes Unternehmen, das ganz auf die Bedürfnisse von freischaffenden Bands und Produzenten zugeschnitten war. Während Kickstarter kaum mehr als eine reine Verwaltungsmaschine ist, eine hoch spezialisierte Bank mit einer freundlichen Benutzeroberfläche, bot Pledge tief gehende Beratungsleistungen, von denen man wirklich etwas lernen konnte. Jedem, der ein Projekt über die Seite durchführen wollte, wurde von Anfang an ein eigener Betreuer zugeordnet. Dieser war fester Ansprechpartner bei jedem Schritt, von dem Festlegen der Förderungssumme über die zu wählenden Fan-Pakete bis hin zu Fragen zur Strategie. Das komfortable Backend, ein ewiger Schwachpunkt bei Kickstarter, erlaubte es recht problemlos, nachträglich Änderungen vorzunehmen und Kampagnen dynamischer zu gestalten. Rundum glücklich wurde man zwar auch bei Pledge nicht. So mussten die Künstler auch hier die komplette Konfektionierung sowie das Verschicken der fertigen Produkte übernehmen – ein nicht zu unterschätzender Aufwand, der so manches Projekt kurz vor der Ziellinie noch einmal in Gefahr brachte. Insgesamt aber waren die Erfahrungen deutlich positiver und es erreichten sogar einige der über die Plattform finanzierten Produktionen die offiziellen Charts. 

Abschied vom Crowdfunding? 
Man könnte das Kentern von Pledge nun als einen traurigen Einzelfall abtun und Musikern schlichtweg raten, in Zukunft auf andere Seiten aus zu weichen. Die Wahrheit aber sieht ein wenig anders aus. Crowdfunding befindet sich schon seit Jahren auf einem absteigenden Ast. Freilich, es gibt Ausnahmen. Die Videospielindustrie beispielsweise nutzt das Modell immer noch mit bemerkenswertem Erfolg. Sogar für ein über Jahre hinweg immer und immer wieder verschobenes Game wie „Star Citizen“ vermag es, stets neue Investitionsrunden mit Erfolg abzuschließen – inzwischen steht die gesamte Förderungssumme des Projekts bei unglaublichen $172 Millionen. Nahezu alle anderen Segmente aber haben deutlich verloren. Nicht jede auf Kickstarter angebotene Retro-Uhr wird garantiert zum Selbstläufer, nicht jede Wifi-gesteuerte Kaffeemaschine mit Röst- und Mahlwerk erreicht ihr Ziel. Die Musikindustrie war in Sachen Crowdfunding ohnehin von Anfang an eher eine kleine Nummer. Als Amanda Palmer 2012 für ihr Album „Theatre is evil“ über eine Million Dollar einsammelte, schien sich kurzzeitig eine Tür in eine sagenhafte Zukunft geöffnet zu haben. Seitdem jedoch hat kein anderer Künstler, auch Palmer selbst nicht, diese Marke jemals auch nur ansatzweise erreicht. Vielmehr sind seitdem sowohl die Projektsummen als auch die Zahl erfolgreicher Projekte überhaupt beständig gesunken. 

Fraglich ist, ob der allmähliche Untergang des einstigen Hoffnungsträgers wirklich eine Katastrophe darstellt. Man kann sogar andersherum argumentieren, dass Crowdfunding seinen Zweck erfüllt und sich schlicht selbst überflüssig gemacht hat. Als Kickstarter vor genau zehn Jahren an den Start ging, betrat es Neuland. Aus Sicht der Fans trugen die Plattformen dazu bei, das Risiko, dass Musiker mit dem Geld durchbrennen, deutlich zu reduzieren. Anno 2019 ist die Bereitschaft, dem Künstler in erster Linie gute Absichten zu unterstellen, weitaus höher – vielleicht auch deswegen, weil die gesamte Szene sich längst professionell aufgestellt hat und der Käuferschutz beispielsweise von Paypal auch bei riskanten Projekten ein Mindestmaß an Sicherheit bietet. So spricht nichts dagegen, ein Projekt schlicht ohne Kickstarter & Co durchzuziehen und zum Beispiel eine eigene Spendenseite für das neue Album aufzubauen. Die Einkünfte müssen dabei keineswegs hinter denen bei PledgeMusic & Co zurückstehen. Die Einstürzenden Neubauten haben bereits vor vielen Jahren mit vier in Eigenregie realisierten Albumkampagnen sehr genau vorgeführt, wie erfolgreich dieses Modell sein kann. 

Zu Hochzeiten verbuchten die Crowdfunder Erfolgsraten von bis zu 90%. Diese Zahl ist inzwischen bei Kickstarter auf 37% zurückgegangen, ein Beleg dafür, dass es keine Gewissheiten mehr gibt. Das aber ist noch lange kein Grund dafür, den Kopf in den Sand zu stecken. In der Musikindustrie gilt die alte Wahrheit Herbert Achternbuschs mehr als irgendwo sonst: Du hast keine Chance, aber nutze sie!

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