Ratgeber

Praxis-Spezial: Tipps und Tricks für perfekte Nachtfotos

Kaum ein anderes Fotogenre ist so reizvoll und herausfordernd wie die Nachtfotografie. Ob Landschaft unter dem Sternenhimmel, eine spektakuläre Aufnahme der Milchstraße oder das turbulente Treiben in der Großstadt bei Dunkelheit. Die Facetten dieses Fotogenres sind zahlreich. Wir haben Fotoprofi Stefano Paterna zusammen mit CanonFoto-Leser Michael Dreiucker einen Abend lang bei einer Fototour durch Köln begleitet – von der anfänglichen Dämmerung bis zur gänzlichen Nacht. Währenddessen ist eine Anleitung entstanden, die Ihnen dabei hilft, atemberaubende Nachtfotos zu erstellen!

Nachfotografie: In X Schritten zur perfekten Aufnahme in der Dunkelheit

Die Grundlage für gute Nachfotos bei Dämmerung oder gar in der Nacht selbst ist die vorherige Besichtigung des Spots bei Tageslicht. „So mache ich es auch für meine Fotoreisen: Ich fahre die Fotospots im Vorhinein ab und entscheide dann, wo ich mit den Kursteilnehmern hinfahre“, sagt Stefano, während Michael das Stativ aufbaut.

Apropos Stativ: Das Zubehör ist für Langzeitbelichtungen unabdingbar. Stefano empfiehlt auf wertige Ausrüstung zu setzen: „Ich habe mal einen Fotograf mit einer 6.000-Euro-Kamera und einem 25-Euro-Stativ gesehen – hier stimmt das Verhältnis einfach nicht. Ich denke, ein Stativ im Bereich von zehn Prozent des Kameraneuwerts sollte schon drin sein“, erklärt Stefano. Derweil hat Michael seine Kamera eingestellt und befragt anschließend Stefano zum Histogramm seiner EOS. Stefano erklärt, dass er mit dem Histogramm die Belichtung kontrolliert und man bei Canon-EOS-Kameras tendenziell etwas überbelichten darf.

1. Vorbereitung der Kamera

Farbtemperatur beachten

Wie dramatisch ein Himmel auf einem Foto wirkt, hängt von dem Wetter ab, allerdings auch von der eingestellten Farbtemperatur. Stefano erklärt, dass während der blauen Stunde gegenüber Aufnahmen bei absoluter Dunkelheit die Umgebung leicht erhellt und somit die Kontraste zwischen Hell und Dunkel abgemildert sind. So entsteht eine harmonische Stimmung. „Beim Weißabgleich setze ich in der Regel auf den automatischen Modus. Wenn ich einen Effekt besonders verstärken möchte, stelle ich den Weißabgleich manuell ein. Ich empfehle den Weißabgleich beim Fotografieren so einzustellen, wie man das Foto auch später ausgeben möchte. So wächst das Verständnis für den Weißabgleich“, empfiehlt Stefano.

Einstellungen festlegen

Fotoprofi Stefano empfiehlt Michael zum Fotografieren während der blauen Stunde die Zeitautomatik der EOS 6D Mark II. „Als Arbeitsblende wähle ich meist f/8. Bei einer größeren Blende laufe ich Gefahr, dass Unschärfe entsteht. Noch kleinere Blenden beugen das Licht zu stark, das ebenfalls zu Unschärfe führen kann“, erklärt Stefano. Der Pro arbeitet meist mit der EOS 5D Mark III und dem Standardzoom EF 24-105mm F4L IS II USM. In diesem, wie auch vielen anderen Workshops, bleibt die Kamera des Profis aber unberührt, um sich voll auf die Einstellungen und Fotos von Michael Dreiucker konzentrieren zu können. Im AV-Modus kontrolliert Stefano die Belichtung einfach über die Belichtungskorrektur.

2. Bildkomposition bei Nacht

Nachdem Michael das erste Foto aufgenommen hat, stellt Stefano ihm zwei Fragen: Um was geht es in dem Bild? Und: Gibt es störende Elemente? Die beiden Fotografen fassen zusammen, dass ihnen zu viel vom Rhein auf dem Foto zu sehen ist, der Weißabgleich verändert werden sollte und interessante Bildelemente wie der Kölner Rathausturm nicht angeschnitten sein sollten. Stefano empfiehlt, die Schärfe im Live-View-Modus und mit zehnfacher Vergrößerung zu kontrollieren und auch andere Bildwinkel auszuprobieren, um den Vordergrund miteinzubeziehen. Während Stefano und Michael darauf warten, dass sich die Beleuchtung des Kölner Doms einschaltet, deaktiviert Michael das Display, um den Kamera akku zu schonen. Als der Dom im Licht erstrahlt, ist das perfekte Bild im Kasten.

3. Belichtung kontrollieren: Histogramm

Die Belichtung kontrolliert Stefano mittels des Histogramms. Auf der linken Seite werden die dunklen und auf der rechten Seite die hellen Bildanteile dargestellt. Berührt der Graph den linken oder rechten Rand des Histogramms, gehen Bildinformationen verloren. Bei Nachtfotos befindet sich üblicherweise ein großer Teil des Graphs auf der linken Seite, während die nur wenigen hellen Bildbereiche für einen kleinen Ausschlag nach rechts sorgen. Das Histogramm lässt sich bei den meisten digitalen EOS-Modelle auch noch in die Farben aufteilen – so können Sie Ihre Fotos noch besser analysieren.

4. Schärfentiefe bestimmen

Stefano empfiehlt Michael, zusätzlich immer mal wieder mit dem Weißabgleich und dem resultierenden Bildeffekt zu spielen. „Ja, das mache ich seit unserem letzten gemeinsamen Workshop ständig“, antwortet Michael und stellt seinen Weißabgleich manuell um. Stefano betont nochmals, dass er das Motiv immer bestmöglich fotografieren möchte, ohne aufwendige Bearbeitungen am Rechner einzuplanen. Zudem empfiehlt er Michael, nicht auf den Dom, sondern etwa auf einem Drittel der Brücke zu fokussieren. So erzeugt die Canon EOS trotz des großen Vollfomatsensors bei Blende f/8 ausreichend Schärfentiefe, um das gesamte Motiv scharf abzubilden. Dieser Tipp gilt für alle Motive, die einen Vordergrund bieten und die möglichst scharf mit nur einer Belichtung aufgenommen werden sollen.

5. Foto-Apps nutzen

Mittlerweile ein Klassiker: die Zeiten von Sonnenauf- und Sonnenuntergang mittels App anzeigen lassen. Das Angebot ist riesig. Wir empfehlen die PhotoPills-App (erhältlich für Android und iOS), die weitreichende Funktionen beinhaltet und das Fotografieren bei Tag und Nacht intuitiv vereinfacht. Allerdings ist die App mit einem Preis von 10,99 Euro auch recht hochpreisig.

6. Gezielt belichten

Mit Langzeitbelichtungen lassen sich zunächst langweilig wirkende Motive in dynamisch, farbenfrohe Fotos verwandeln. Die wichtigste Zutat dafür: Lichtspuren. Stefano erklärt, wie man sie am besten einfängt.

Schnell wird klar, dass beim Fotografieren in Unterführungen mit Autoverkehr Geduld gefragt ist. Michael wartet vor jeder Auslösung der Kamera darauf, dass genug Autos an ihm vorbeifahren. „Versuch hier einmal die Lichtempfindlichkeit auf ISO 100 zu setzen, um eine möglichst lange Belichtungszeit zu erzielen. Wähle auch ruhig einen engeren Bildausschnitt, um die Dynamik der Lichtspuren präsent im Bild einzufangen. Wenn die Belichtungszeit nicht ausreicht, würde ich die Blende weiter schließen. So entstehen auch tolle sternenförmige Lichter der Laternen“, rät Stefano. Und auch hier kommt das Thema Weißabgleich nicht zu kurz: Gerade in farbig beleuchteten Tunneln lohnt es, die Farbtemperatur der Kamera manuell einzustellen, um spektakuläre Fotos zu erhalten.

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