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iCar oder Apple Car: Weshalb Apple sein Elektroauto bauen muss, doch es vorerst nicht tun wird - ein Kommentar

Seit Wochen pfeifen die Spatzen es von den Dächern: Apple kauft sich Know-how in Form von Personal ein, um in den Automarkt einzusteigen und ihn zu revolutionieren. Vieles spricht dafür, dass die Gerüchte stimmen. Mindestens genau so viel spricht aber gegen eine baldige Umsetzung des angeblichen Vorhabens. Dabei ist der Automarkt längst fällig für einen neuen Spieler, der die Regeln verändert. Wird das Apple sein?

Spätestens dann wenn mich nicht besonders technikaffine Personen aus dem Familien- oder Freundeskreis nach einem angeblichen neuen Apple-Produkt fragen ist klar, dass sich nicht mehr nur ein paar „Spinner“ aus der Technik-Welt etwas herbei fabulieren.
 
In Sachen iCar oder Apple Car bin ich inzwischen genau an diesem Punkt angelangt. Die Debatte um ein mögliches Auto von Apple ist im Mainstream angekommen. Der Mainstream kann aber vor allem eins nicht: differenzieren. Der Mainstream ist das Chaos in der Apple-Gerüchteküche nicht gewohnt und bekommt nur ganz punktuell etwas davon mit und nimmt es dann immer gleich für bare Münze - schließlich steht’s doch auch auf Spiegel Online, in der Bild und sonst wo.
 

Der Markt ist reif

Aber fangen wir vorne an. Der Automobil-Markt hat sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten in eine Situation manövriert, in der er jetzt endgültig reif ist, durcheinander gewirbelt zu werden. Gemessen an dem, was in den letzten Jahren auf den Smartphone-Markt passiert ist, gibt es bei Autos praktisch Innovationen, keine Revolutionen.
Als ich mir 2012 mein aktuelles vierrädriges Gefährt aussuchte, pries mir der Händler groß an, dass das eingebaute Computersystem über Bluetooth verfüge. Bluetooth als großartiges Feature! 2012! Zu einem Zeitpunkt, als die Technik nicht nur schon 13 Jahre alt war, nein, 2012 konnte man kaum noch ein strombetriebenes Gerät kaufen, dass nicht über Bluetooth verfügte.
 

 

Bei Fehlern sterben Menschen

Natürlich ist der Vergleich unfair. Es ist wesentlich simpler neue Technologie in ein Smartphone – oder eben Bluetooth in einen Kühlschrank – zu integrieren. Im schlimmsten Fall kann jemand für ein paar Tage nicht telefonieren oder der Kühlschrank meldet eben nicht mehr, dass das Eisfach abgetaut werden sollte. Wenn man über die Einführung neuer Technologien in Autos nachdenkt, dann ist das „worst case scenario“ immer: Menschen sterben. Und selbst leichtere, Software-basierte Fehler lassen sich nicht so leicht beheben. Spätestens bei kritischen Problemen steht dem Hersteller immer gleich eine große Rückrufaktion ins Haus. Die kostet Zeit, Geld und schädigt letztlich auch immer den eigenen Ruf.
 

Tesla macht Schluss mit Langeweile

Wenn man von völlig überdimensionierten Sportwagen absieht, dann sind in den letzten rund 20 Jahren nicht allzu viele bahnbrechende Neuerungen vorgestellt worden. 1997 hat Toyota den Prius auf den Markt gebracht und bewiesen, dass man nützliche, geräumige Hybridautos zu bezahlbaren Preisen anbieten kann. Toyota hatte damit über Jahre einen echten Vorsprung vor der gesamten Konkurrenz. Und noch heute dürfte beim Begriff „Hybrid-Auto“ den meisten Menschen „Toyota“ vorschweben. Der Prius war gewissermaßen Toyotas iPhone. Ein Produkt, das die Konkurrenz über Jahre hinweg vor echte Probleme stellte.
 

 
Danach folgten lange nur Evolutionen. Techniken wurden günstiger und fanden deshalb auch ihren Weg in Mitteklassewagen und letztlich sogar in „billige“ Kleinwagen. Deren Radio hat mittlerweile auch standardmäßig Bluetooth und kein Kassettendeck mehr.
 
Der nächste ganz große Wurf gelang einem Marktneuling. 2006 stellte Tesla Motors den Tesla Roadster vor. Die Markteinführung des vollständig elektrisch betriebenen zweisitzigen Sportwagens erfolgte knapp zwei Jahre später. 2012 konnte Tesla dann mit dem  „Model S“ das erste eigene vollständig elektrisch betriebene Nicht-Spaßmobil, eine Kombilimousine, vorstellen.
 

Technik alleine reicht nicht

So sehr Tesla auch für den „Model S“ gefeiert wird: Das Gefährt hat so seine Macken. Wer zum Beispiel Apple-Geräte und Apple-Optik gewohnt ist, dem sind Menüs und Grafiken des Tesla-eigenen Betriebssystems ein Graus. Die Designer haben sich dort auf einen Mittelweg zwischen Windows Mobile 6 und iOS 6 geeinigt. Auch ist im Tesla Model S vieles nicht praktisch gelöst. Das Display, über das sich praktisch alles regeln und einstellen lässt, ist ziemlich groß, sodass man manche Steuerlemente nicht mehr bedienen kann, ohne den Blick deutlich von der Straße abzuwenden. Besonders hier könnte Apple sicherlich einen nicht unerheblichen Beitrag leisten. Schließlich hat Apple immer wieder aufs Neue bewiesen, dass man nicht nur in der Lage ist, den Zeitgeist zu treffen, sondern ihn auch zu definieren.
 

Man erfindet nicht einfach so das Auto neu

Vor gut acht Jahren stand Steve Jobs auf der Bühne und verkündete „Today Apple reinvents the phone!“. Von einem ähnlichen Szenario sind wir in der Autowelt noch weit entfernt. Das Problem ist inzwischen nämlich nicht mehr das Auto, sondern das Drumherum. Elon Musk hat mit Tesla gezeigt, dass es kein Problem mehr ist, ein rein elektrisch betriebenes Fahrzeug zu bauen, das nicht nur ein Konzeptauto ist, sondern sich auch in der „echten Welt“ gut schlägt.
 
Für die breite Masse taugt ein Tesla-Auto trotzdem nicht. Dafür gibt es im wesentlichen zwei Gründe: Der erste ist der Preis. Unterhalb von 75.000 Euro ist ein Model S in brauchbarer Ausstattung praktisch nicht zu haben. Wann haben Sie sich zuletzt ein Auto für 75.000 Euro gekauft? Mit hoher Wahrscheinlichkeit lautet die Antwort „Selbstverständlich noch nie!“.
 
 
 
Der zweite Grund ist der Mangel an Lademöglichkeiten. Wer kein Eigenheim besitzt, verfügt vermutlich auch über keinen festen Stellplatz für das Auto in unmittelbarer Nähe zur Wohnung. Zumindest nicht so unmittelbar, dass man jede Nacht ein Starkstromkabel nach draußen legen würde, um das Auto aufzuladen. Dafür gibt es „Tesla Supercharger"-Ladestationen, die das Model S innerhalb von wenigen Minuten statt Stunden aufladen können. Den Lackmus-Test für die Verbreitung dieser Supercharger kann man direkt auf der Tesla-Website machen. Vom Mac-Life Sitz in Kiel aus gesehen, befindet sich die nächste Ladestation in einem knapp 52 Kilometer entfernten Dorf in der Nähe von Schleswig. Die einzige andere Ladesäule in Schleswig-Holstein steht in Norderstedt vor den Toren Hamburgs. Hamburg selbst verfügt übrigens über kein eigene Ladestation.
 
Aber andererseits: Wer nicht über ein eigenes Haus verfügt, hat vermutlich auch keine 75.000 oder mehr Euro für ein Auto übrig, sodass man die Supercharger dann tatsächlich nur auf weiteren Reisen, nicht aber im Alltag benötigt. Mit den Tesla-Autos fahren aber schon heute Autos der Zukunft auf den Straßen. Hier noch weiter in die Zukunft zu greifen wäre für Apple schlicht nicht möglich. Nicht, weil es an Einfallsreichtum mangeln würde – es mangelt an der nötigen Infrastruktur. Und selbstverständlich sind die Preise für derartige Autos noch zu hoch, als dass eine hinreichend Marktdurchdringung denkbare ist, die wiederum für eine hinreichende Veränderung der Infrastruktur nötig wäre.
 

Information, Entertainment, Apps

Nicht umsonst hat Apple „CarPlay“ auf den Markt gebracht. Hier gibt es weit weniger Hürden, die es zu überwinden gilt und der Markt ist wesentlich größer. Man kauft dann doch eher ein neues Radio- respektive Navigationssystem für einen kleinen bis mittleren dreistelligen Betrag als ein neues Auto. Außerdem setzt CarPlay genau dort an, wo Autohersteller am rückständigsten sind. Die allermeisten Bedienoberflächen in Autos sind eine einzige Frechheit. CarPlay muss allerdings noch als Beta-Version betrachtet werden – auch wenn Apple es so selbst nicht betitelt.
 

… oder Apple kauft Tesla

Eine andere mögliche Lösung für das „Problem“, dass Apple ein eigenes Auto anbieten „muss“, wäre: Apple kauft einfach Tesla. Aktuell hat Tesla Motors einen Börsenwert von 25,57 Milliarden US-Dollar. Das könnte Tim Cook praktisch aus der Portokasse zahlen. Auf einen Schlag würde man damit vermutlich die größte Know-how-Ansammlung für zukunftsweisende Automobiltechnik einkaufen. Denn bei Tesla gibt es niemanden, der sich um (hoffentlich bald) veraltete Techniken wie Verbrennungsmotoren kümmern muss.
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