Test

Im Test: Ist das Xiaomi Mi Mix das bessere iPhone 7?

Redakteur Thomas Raukamp hat das Android-Smartphone Mi Mix von Xiaomi getestet. Warum? Weil es aus der Apple-Welt nichts mehr zu berichten gibt? Mitnichten! Trotzdem leisten wir uns einen einmaligen Ausflug, um die Möglichkeiten heutiger Smartphone-Entwicklungen zu erkunden und Vergleiche zu Apples aktuellem Top-Smartphone, dem iPhone 7, anzustellen. Optisch, so viel sei vorweg verraten, kann das Phablet aus China in jedem Fall punkten.

Es stach schon ins Apple-verliebte Herz, was da die Medien Ende 2016 verbreiteten: Nachdem diverse Ultrabooks und All-in-one-Rechner etwa von Microsoft dem Mac seinen Rang als wohl innovativste, mindestens aber schönste Computerhardware streitig machten, schickt sich nun auch noch ein schnöder „Androide“ aus China an, Cupertino auch in Sachen Smartphone-Design und -Entwicklung zu überholen. Der einvernehmliche Tenor: Das Xiaomi Mi Mix ist das, was das iPhone 7 sein sollte.

Wow-Effekt beim Xiaomi Mi Mix

Wer das Mi Mix aus seiner Umverpackung entblättert, kommt nicht umhin, den „schwarzen Monolith“ zunächst einmal andächtig zu bewundern. Niemand Geringeres als der französische Stardesigner Philippe Starck zeichnet für dieses Kunstwerk, das wie aus einem Guss wirkt, verantwortlich. Der berühmte Vertreter des „New Design“-Ansatzes verpackte die um einen Snapdragon-821-Quadcore aufgebaute Hardware in ein edles Keramikgehäuse, wie man es von der Sonderedition der Apple Watch 2 kennt. Diese perlmuttartige Oberfläche ist zwar schön und gegen Kratzer nahezu unempfindlich, dafür aber extrem anfällig für Fingerabdrücke – und durch sein resultierendes, nicht eben geringes Gewicht von knapp 200 Gramm rutscht das Smartphone bei längeren Telefonaten allzu leicht aus der Hand. Doch Apple kennt das Problem: Auch beim iPhone 7 Plus „Jet Black“, das sich im Alltag ebenfalls als extrem schlüpfrig darstellt, hat man das Design bewusst über den Nutzwert gestellt. Um die Griffigkeit zu erhöhen, liefert Xiaomi immerhin ein Backcover aus Kunstleder gleich mit – ein feiner Zug. Einmal angebracht, schützt es das Smartphone durch seine etwa 1 Millimeter hervorstehenden Ränder auch vor Kratzern bei eventuellen Stürzen aufs Display.

Darauf sollten Sie achten

Wer das Mi Mix kaufen möchte, kann es nicht etwa beim Smartphone-Händler um die Ecke ergattern, sondern muss es aus China importieren. Setzen Sie dabei auf einen renommierten Händler, um keine unangenehmen Überraschungen wie eine chinesische Oberfläche oder ein mit Trojanern verseuchtes ROM zu erleben! Tradingshenzhen.com etwa liefert die Geräte mit einem EU-ROM aus, das auch die deutsche Sprache enthält. Außerdem verzichtet man auf diverse chinesische Standard-Apps und versorgt das Mi Mix lieber mit der von Google gewohnten Auswahl an Programmen.

Gleichzeitig schmälert das Case aber unbeabsichtigt etwas den eigentlichen „Wow-Effekt“ des Mi Mix: Der Bildschirm des „Phablets“ ist nicht nur wunderbar groß, sondern auch nahezu randlos. Lediglich am unteren Rand leistet sich das Gerät knapp einen Zentimeter Abstand, um hier die „Selfie-Kamera“ unterzubringen. Oben und an den Seiten nutzt es die Front hingegen fast komplett zur Darstellung aus – was in einem hin und wieder etwas gewöhnungsbedürftigen Seitenverhältnis mündet: Das 17:9-Format stellt 16:9-Filme zwar problemlos dar, lässt aber rechts einen kleinen Rand, den die Android-typischen Navigationselemente für sich nutzen. Nimmt man hingegen direkt mit der internen Kamera auf, darf sich das entstandene Video auf dem gesamten Bildschirm breitmachen.

Das riesige Display drängt den Vergleich mit Apples Premium-Smartphone förmlich auf: 91 Prozent der Vorderseite nutzt das Mi Mix für die Darstellung von Bildschirminhalten, während das iPhone-Topmodell auf dagegen fast spärlich erscheinende 68 Prozent kommt. Zumindest in dieser Hinsicht zeigen die Chinesen den US-Amerikanern also, wo der asiatische „Hammer“ hängt. Wohlgemerkt: Das 6,4 Zoll messende Display passt dank des Wegfalls der „Trauerränder“ in ein Gehäuse, das nicht größer ist als das des iPhone 7 Plus.

Punkten kann Apple jedoch bei der Auflösung: Das Mi Mix löst mit 2.040 x 1.080 zwar geringfügig höher auf, was bei der genannten Bildschirmgröße jedoch in „nur“ 362 Pixel pro Zoll resultiert – das Retina-HD-Display des iPhone 7 Plus liegt hier bei 401 ppi und wirkt daher nicht zuletzt bei der Textdarstellung etwas schärfer. Wäre Xiaomi konsequent gewesen, hätte man bei seiner ambitionierten Machbarkeitsstudie auf ein Quad-HD-Panel gesetzt.

Produkthinweis

Kein Selfie-Phone

Eines der wichtigsten Kaufargumente für ein Smartphone ist sicherlich die integrierte Kamera. Das hat niemand besser begriffen als Apple: Sind die sonstigen Neuerungen des iPhone 7 bestenfalls als solide zu bezeichnen, hat man besondere Aufmerksamkeit auf die Fotofähigkeiten gelegt. Auf dem Papier hat auch Xiaomi nichts anbrennen lassen: 16 Megapixel liefert die rückseitige Hauptkamera, die sich gleich neben einem Sensor zur Fingerabdruckerkennung befindet. Die einschlägige Konkurrenz von Apple und Google kommt zwar „nur“ auf 12 Megapixel, das iPhone 7 Plus integriert jedoch zudem je ein Weitwinkel- und Teleobjektiv. Anders als bei Apple steht die Kamera inklusive f/2.0-Blende beim Mi Mix aber nicht hervor. Diese elegante plane Bauweise dürfte jedoch gleichzeitig der Grund sein, weshalb kein optischer Bildstabilisator Einzug gefunden hat. Etwas merkwürdig mutet auch das bereits erwähnte Verbauen der Frontkamera am unteren Rand des Mi Mix an: Will man diese nicht versehentlich mit dem Daumen abdecken, hilft nur das Drehen des Smartphones um 180 Grad.

Humpty Dumpty sat on a wall, …

… Humpty Dumpty had a great fall: Wer das Mi Mix besitzt, sollte tunlichst vermeiden, es auf harte Böden fallen zu lassen. Denn das edle Keramik-Geschöpf soll Stürze nicht allzu leicht verzeihen – im schlimmsten Fall zerbricht es in tausend Teile. Auf jeden Fall sollte man das Smartphone also in seinem mitgelieferten Case herumtragen.

Schallübertragung durch Vibration

Dass das Keramikgehäuse bei Xiaomi nicht nur als edler Hingucker dient, beweist die innovative Klang-ausgabe beim Telefonieren. Diese setzt konzeptbedingt nicht etwa auf eine Hörmuschel, sondern überträgt Schall mithilfe eines piezoelektrischen Akkustiksystems. Sprich: Der Klang versetzt die Keramik in Schwingungen und landet so am Ohr des Nutzers. Die Übertragung klappt erstaunlich gut, wirkt allerdings etwas dumpf und reicht nicht ganz an einen Lautsprecher heran.

Die Musikausgabe selbst erfolgt ähnlich wie beim iPhone ganz herkömmlich durch die Stereo-lautsprecher an der Geräteunterseite. Sie ist in Anbetracht des geringen Resonanzraums absolut befriedigend, kommt aber nicht an das iPhone 7, das iPad Pro 9,7 oder gar das ZTE Axon 7 mit seiner „Dolby Atmos“-Technologie heran. Wie beim iPhone verdeckt man zudem beim Spielen die Lautsprecher an der Unterseite leicht mit dem Handballen. Der Fokus von Xiaomi lag offensichtlich nicht primär auf der Musikwiedergabe.

Bei der Telefonie wiegt hingegen schwer, dass das Mi Mix – wie schon andere Xiaomi-Modelle – das LTE-Band 20 nicht kennt. Dieses 800-Megahertz-Band liefert zunehmend auch in deutschen Städten eine gewisse Grundversorgung. Das iPhone liefert dies ganz selbstverständlich. Der Grund dafür liegt darin, dass Xiaomi den europäischen Markt schlichtweg nicht beliefert – auch das Mi Mix ist in Deutschland nur per Import zu ergattern.

Und sonst?

In Sachen Performance haben die Asiaten hingegen alles richtig gemacht. Der Qualcomm Snapdragon 821 treibt seine vier Kerne mit je zweimal 1,6 und 2,35 GHz an und bildet damit die Spitze der heutigen Prozessortechnologie. Der Speicher ist mit wahlweise 4 oder 6 GB ausgebaut, was genügend Luft bietet, um auch grafikintensive Webseiten, Apps und Spiele jederzeit absolut flüssig darzustellen. Der interne Speicher fasst 128 beziehungsweise 256 GB an Daten.

Wer nun tatsächlich mit dem Umstieg vom iPhone liebäugelt, wird sich mit der hauseigenen „MIUI 8“-Oberfläche, die auf Android 6 „Marshmallow“ aufsetzt (schade indes, dass man nicht gleich zu Android 7 „Nougat“ gegriffen hat), schnell zurechtfinden – die Gestaltung lehnt sich erstaunlich nah an iOS an. Nicht ohne Grund gilt Xiaomi als chinesische „Copycat“ des großen Vorbilds.

Fazit

Keine Frage: Xiaomi liefert einen faszinierenden Blick in die Smartphone-Zukunft und lässt mit dem fast randlosen Display, der edlen Keramik und der exzellenten Verarbeitung Münder offen stehen. Das ist Apple schon lange nicht mehr gelungen – und das schmerzt jeden Fan natürlich etwas. Im Alltag bewährt sich das iPhone 7 hingegen einfach besser: Die volle Unterstützung des LTE-Netzes sowie die weitaus bessere Kamera sind in der täglichen Anwendung gewichtigere Gründe. Hier spielt Apple seine Karten als erfahrener „Global Player“ voll aus.

Trotzdem: Xiaomi hat eine wirklich tolle Konzeptstudie vorgelegt, die Apple für die anstehenden Produktgeneration 8 gehörig unter Zugzwang setzt. Man kann sich in Cupertino glücklich schätzen, dass die Chinesen den europäischen Markt bisher ignorieren – besonders bei dem aufgerufenen Kampfpreis ab 474 Euro in China. Man sollte sich aber nicht darauf ausruhen.

Bewertung
Name
Xiaomi Tech Xiaomi Mi Mix
Pro
  • hervorragendes Display, exklusive Verarbeitung, hohe Performance, lange Akkulaufzeit
Contra
  • nur im Import erhältlich, Kameras etwas enttäuschend, kein LTE 20, sturzempfindlich
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