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Kolumne: Shareconomy – vom Haben zum Teilen?

Die auf der CeBIT diskutierte „Shareconomy“ wird bereits als Vorbote einer neuen, besseren Welt gefeiert, als Modell einer auf Teilen und kollaborativer Wertschöpfung basierenden Wirtschaft. Der Begriff mag schwammig und umstritten sein, doch auch die Musikindustrie hat das Prinzip für sich erkannt. Was bedeutet es, wenn Zugang wirklich wichtiger als Besitz wird?

Als das „weltweit führende High-Tech-Event“ bezeichnet sich die Hannoveraner CeBIT selbst. Für viele ist das Leitthema der Messe tatsächlich noch immer ein Indikator dafür, wohin sich der IT-Sektor bewegt – und damit, in einer nahezu komplett durch-technologisierten Welt, die gesamte Gesellschaft. Und so konnte man kurz nach Bekanntgabe des diesjährigen Mottos „Shareconomy“ in unzähligen Blogs und Magazinen Erörterungen dazu finden, wie das Teilen die Welt, in der wir leben, maßgeblich beeinflusst und formt. Für den Messechef Frank Pörschmann hingegen bedarf das kaum einer weiteren Erklärung: „Wissen ist die einzige Ressource, die sich vervielfacht, wenn sie geteilt wird. Das ist der entscheidende Aspekt dessen, was wir im Zeitalter von Twitter und Facebook auf den sozialen Netzwerken beobachten können. Die ‚Facebookisierung‘ ist ein Wachstumstrend in der Wirtschaft. Durch sie wird die Verfügbarkeit der knappen Ressource Wissen erweitert – was wiederum der Wirtschaft dabei hilft, sich schneller zu entwickeln und einen Innovationsschub hervorbringt.“ Zusammenfassen lässt sich diese Einschätzung in einem knappen Statement, das in seiner Slogan-haften Kürze zum Motto einer ganzen neuen Generation geworden ist: Access trumps ownership – Zugang ist besser als Besitz. So einfach das klingen mag, beschreibt es doch tatsächlich recht genau einen Paradigmenwechsel mit potenziell revolutionärer Tragweite.

Fest steht auf jeden Fall, dass sich die Messebetreiber mit „Shareconomy“ keine utopisch-visionäre Spielwiese ausgesucht haben, sondern ein Prinzip, das langsam aber sicher zu einem festen Bestandteil unserer täglichen Realität geworden ist. So wird selbst an den entlegensten Winkeln geteilt, was das Zeug hält, und dringt das „Sharen“ in immer neue Bereiche ein. Der Economist verweist auf das Paradebeispiel der Shareconomy, Airbnb. Seit seiner Gründung in 2008 hat das Unternehmen aus San Francisco bereits vier Millionen Kunden aus 192 Ländern ein Zimmer für die Nacht vermittelt. Dabei werden die Betten nicht von den üblichen Hotelketten angeboten, sondern von Privatpersonen; man schläft somit wortwörtlich in der Fremde. Für wen der Kauf eines eigenen Wagens darüber hinaus nicht erschwinglich ist, kann bei verschiedenen Anbietern spontan das Auto eines anderen mitbenutzen – ein Dienst, der noch über das übliche Carsharing hinausgeht. In den USA ist das heute so beliebt, dass General Motors, Daimler und die Autovermietung Avis an Start-Ups beteiligt sind – und, wie man vernimmt, an eigenen Konkurrenzangeboten arbeiten. Für Pörschmann steht fest, dass auch Musikplattformen, die auf einem zeitbasierten Nutzungstarif, statt privaten Besitz basieren, im gleichen Atemzug mit diesen Entwicklungen genannt werden müssen, freilich stets unter genauer Definierung der damit verknüpften Copyrights: „Eine internationale Auseinandersetzung zu Nutzungsrechten ist essenziell. Derzeit gibt es nur fragmentierte nationale Gesetze, welche das Wachstum der globalen Wirtschaft ausbremsen.“

Erkenntnisse und Fragen

Nun fällt an Pörschmanns ambitionierten Worten nicht nur die unschöne Wortkreation „Shareconomy“ negativ auf, eine quasi in Hypertext „geupdatete“ Variante des klassischen, von dem Ökonomen Martin Weitzmann eingeführten Begriffs „Share Economy“. Denn schon die Grundprämisse, bei Wissen handele es sich um das einzige Gut, welches durch Teilen vermehrt werde, ist höchst problematisch – und das nicht nur, weil im Netz zunächst einmal streng genommen kein Wissen geteilt wird, sondern vielmehr Informationen, welche der Einzelne durch Verstehen, Verarbeiten und Abspeichern erst einmal umwandeln muss. Zum anderen werden auch die auf der Messe so zentralen digitalen Güter mit jeder Teilung mehr, statt weniger: Wer über die eigene Webseite einen Track zum Herunterladen anbietet, kann aus einer einzigen Kopie innerhalb weniger Minuten Hunderte machen – oder, wenn man Lady Gaga heißt, ähnlich einer Hyperversion der biblischen Speisung der Fünftausend, sogar Millionen. Damit wird klar, dass die vorher genannten Beispiele aus der Pkw- und Immobilienbranche im Netz nicht mit Audiodateien vergleichbar sind und sich hinter dem scheinbar simplen Begriff des „Sharings“ eine Welt an Bedeutungsnuancen verbirgt. Und jede von ihnen bietet nicht nur eigene Erkenntnisgewinne, sondern wirft auch eigene Fragen auf.

Für Pörschmann steht offenbar der Gedanke des Zurverfügungstellens zentral, also die Vorstellung, dass in der heutigen Zeit kein Anwender sich auf die Rolle als passiver Konsument beschränken muss, sondern selbst zum Distributor von Produkten und Informationen werden kann. So wichtig dieser Gedanke auch sein mag, so ist er doch bei weitem nicht der einzige. Auf der von Sinnerschrader organisierten „Next09“, auf der die Thematik bereits vier Jahre vor der CeBIT 2013 ausführlich besprochen wurde, spielte vor allem der bereits angedeutete Aspekt des Teilens als Kopierens eine entscheidende Rolle: „Digitales Teilen ist ein Grundmuster des Internets“, so Sinnerschrader in ihrem Blog. „Cory Doctorow sieht darin gar seinen grundlegenden Daseinszweck: ‚Das Internet ist ein System, das darauf angelegt ist, effizient Kopien zwischen zwei Rechnern zu erstellen. (…) Jedes Mal, wenn du eine Taste drückst, wird diese Tastenberührung mehrere Male auf deinem Rechner kopiert, dann in deinem Modem und danach über eine Reihe von Routern und Servern, die mehrere Hundert temporäre und langfristige Kopien machen, zu den Rechnern anderer Gesprächsteilnehmer geschleust, wo wiederum mehrere Kopien erstellt werden können.‘“ Eben weil das Netz so grundlegend auf dem Erstellen von Kopien basiert, hat sich seine Gemeinde stets vehement gegen die Versuche gewehrt, diese fundamentale Freiheit einzuschränken. Auch Spotify und Co. sind aus der Perspektive des emanzipierten Anwenders kein Fort-, sondern eher ein Rückschritt. Hier wird das Sharing zum Kontrollinstrument: Bereits im Zeitalter von Vinyl-LPs und CDs war die Verfügungsgewalt über den erworbenen Tonträger stets eingeschränkt. Beim Streaming aber ist man als Nutzer komplett auf die AGBs des Anbieters angewiesen. Sollte sich dieser beispielsweise entscheiden, die Hälfte der angebotenen Titel aus dem Programm zu nehmen oder den Abo-Preis zu erhöhen, ist man dem ausgeliefert – unter „Teilen“ haben die Gründerväter des Webs gewiss etwas anderes verstanden.

Höchst umstritten

Wer den wunderbar umfassenden Begriff der „Shareconomy“ auf diese Weise hinterfragt, erkennt schon bald, warum viele der dahinter stehenden Phänomene zu so viel Wirbel geführt haben: Weil sie immer noch höchst umstritten sind. Während man heute in den Chefetagen von den Vorzügen der Streamingportale schwärmt, hat dieselbe Musikindustrie jahrelang einen erbitterten Kampf gegen eben das derzeit so beliebte Teilen geführt. Dass Google News Nachrichtenmeldungen anderer Webseiten aggregiert und verlinkt, schmeckt den großen Medienkonglomeraten noch immer nicht. Und laut dem Handelsblatt wird das „Sharen“ der eigenen vier Wände oder des Wagens zumindest in Deutschland noch lange ein eher exotisches Phänomen bleiben, weil es schlichtweg Spaß mache, Produkte zu kaufen und selbst zu besitzen und es ein unvermeidbares Vertrauensproblem bei der Überlassung wertvoller Güter gebe. Auch sehen viele die Tendenzen hin zu einem „kollaborativen Konsum“ alternativ als einen Versuch großer Multinationals, ihre Machtposition auf Kosten des kleinen Mannes/der kleinen Frau zu festigen (wenn einem nichts mehr wirklich gehört, entfallen damit auch die damit verbundenen Rechte) oder als Versuch, den Sozialismus durch die Hintertür einzuführen. Weswegen das Konzept ironischerweise sowohl von wirtschafts-rechts wie von politisch-links heftig angegriffen wird.

Dabei ist die Einschätzung, wie so oft, stark abhängig von dem damit verbundenen Blickwinkel. Wie eine Studie aus den Niederlanden richtig erkannte, führt Filesharing in der Musik zwar zu einem Rückgang von Musikverkäufen, für die Gesellschaft als Ganzes aber zu einem Wohlstandsgewinn durch eine höhere Verfügbarkeit von Kulturgütern. Gerade in der Musik bieten sich zudem noch Perspektiven an, welche deutlich über die auf der CeBIT angeschnittenen Ansätze hinausgehen. So impliziert „Teilen“ in der digitalen Welt stets auch das gemeinsame Nutzen von Produktionsmitteln oder das gemeinsame Arbeiten an einem Projekt. Der Erfolg von Soundcloud beispielsweise lässt sich maßgeblich darauf zurückführen, dass die Seite Musikern einen direkten Austausch über ihre Produktionen erlaubt. Kombiniert mit der inzwischen fortgeschrittenen Social-Media-Einbindung greift die Seite damit verschiedene essenzielle Aspekte des Teilens auf, statt sich auf einen einzigen zu beschränken.

Immerhin kann man festhalten, dass nach einer Zeit, in der die negativen Konsequenzen des Sharings im öffentlichen Bewusstsein zu überwiegen schienen, sich allmählich die Erkenntnis durchsetzt, dass die Vorzüge ebenfalls beträchtlich sind. Teilen bedeutet in gewisser Weise stets auch Auswählen und Vorselektieren – beispielsweise, wenn man aus der Flut an Informationen ganz gezielt die für einen Kontakt relevanten herausfiltern oder aus den Millionen von Titeln auf Spotify eine Playlist kompiliere will. Darüber hinaus gibt es immer wieder kreative Ideen, welche das Konzept des Teilens um spannende Facetten erweitern. So schlägt die Musikpromoterin Jennifer Fields Hawkins vor, man solle „Musik Sharing Events“ organisieren, bei denen bis zu fünf Künstler bei einem Wohnzimmerkonzert auftreten. Jeder von ihnen bringt zwei Freunde mit, so dass eine kleine, aber extrem musikinteressierte Gruppe entsteht, in der man Songs und Ideen austauschen/teilen kann. Wer das ein Jahr lang jede Woche tut, kann dabei bis zu 780 neue Fans hinzugewinnen – eine mehr als beachtliche Zahl in einer Zeit, in der jeder Hörer hart umkämpft ist. Man wird den Eindruck nicht los: Nicht bei Massenveranstaltungen und High-Tech-Events, sondern genau hier, im heimischen Wohnzimmer, wo Fremde zu Freunden werden, kommt die Shareconomy voll zum Tragen.

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